Zugegeben, die Bezeichnung „Aufstrebende Jungpolitikerin“ mag auf Julia Seeliger nicht mehr zutreffen, immerhin trat sie vor mehr als einem Jahr von all ihren Ämtern bei den Grünen zurück und arbeitet mittlerweile als Redakteurin bei der taz. Und so ganz jung ist sie auch nicht mehr. Ganz gleich, ich habe ein Blog zu füllen.

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Julia Seeliger fasste verganene Woche in der taz ein ganz heißes Eisen an: Sie stellte in einer Homestory ihr unangepasstes Liebesleben vor. Denn Julia Seeliger ist polyamor. Das bedeutet, dass ihr Freund, während sie Artikel für die taz schreibt, bei einer anderen ist. Ihr zweiter Freund ist wohl auch irgendwo unterwegs. Und diesen organisatorischen Aufwand möchte Julia jetzt gerne gesetzlich gewürdigt sehen.

An der ein oder anderen Stelle kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Julia Polyamorie aus einer recht subjektiven Perspektive erklärt, doch ganz gleich: Polyamorie ist in ihrem Augen, wenn die „allein zu Hause sitzende“ Partnerin es „nicht so prickelnd“ findet, wenn der andere Partner durch fremde Betten wandelt und schließlich, „weil sie einen geliebten Partner nicht aufgeben“ will, die anderen Gschpusis des treuelosen Partners mit in die „institutionalisierte Liebesbeziehung“ holt. Das sind sie also, die „jungen Utopien“.

So belämmert einem das auch erscheinen mag, Julia stellt klar: Polyamoriker verdienen „unabhängig von ihrer Motivation Toleranz und Anerkennung“, die taz hat beides passenderweise im Überluss anzubieten. Denn Diskriminierung von Polyamoren ist allgegenwärtig, all zu oft wird ihnen fälschlicherweise „Promiskuität“ vorgeworfen und auch die Tatsache, dass Polys „besonders liberal oder besonders kritisch gegenüber Besitzverhältnissen“ (d.h. halbe Kommunisten) sind, wird nur unzureichend gewürdigt.

Doch aufgepasst! „Nicht alles Private ist politisch!“, argumentiert Julia. Denn „Liebesbeziehungen oder gar Sex mit politischer Bedeutung aufzuladen ist ein Irrweg“. Denn  – ähnlich wie bei der taz – ist auch bei der Liebe „der Bauch, das Irrationale wichtig“ und nicht „Argumente und Fakten“. Doch auch das Vergnügen soll bei der ganzen Chose nicht zu kurz kommen, schließlich kann es nicht funktionieren, „Herrschaftsverhältnisse über das Bett zu ändern“ und, so ganz nebenbei, das macht „auch keinen Spaß“. Julia war offensichtlich nicht auf dem Antifacamp 2004.

Julia Seeliger hat den Anfang gemacht, jetzt muss die Legislative folgen. Polyamorie ist eine „Lebensform“, die „gleichberechtigt neben der monogamen Zweierbeziehung und vielen anderen Lebensformen betrachtet werden muss“. Vor solchen Realitäten kann der Staat seine Augen nicht weiter verschliessen, Beziehungen sind nun einmal „weitaus vielfältiger als das, was gesetzlich als Normalfall festgelegt ist“ und der Status Quo drängt unzählige Menschen in die Perversität, obwohl sich diese ach so gerne in den warmen Schoß der rechtlichen Gleichstellung begeben würden.

Sollte hier der Eindruck entstanden sein, Polyamorie sei ein Phänomen, dessen Vertreter sich ausschließlich aus Opfern der Triple Oppression aus Antifaschismus, Veganismus und Soziologie-Studium („MissyMarcMaikeMichi-Magazine“, ich hör dir trapsen) rekrutieren, muss dem entschiedend widersprochen werden. Auch die Ärmsten der Armen sind zunehmend betroffen. In Berlin wachsen schon „mehr als die Hälfte aller Kinder nicht in einer klassischen Kleinfamilie auf“, sprich polyamor. Da ist es bitter nötig, dass 5 Jahre nach dem Ende von Rot-Grün endlich „wieder Gerechtigkeit in der Lebensformenpolitik hergestellt wird“.

Bekanntermaßen helfen gegen miese Hetze nur Gesetze und so schlägt Julia vor, dass „Menschen, die füreinander Verantwortung übernehmen wollen, einen Vertrag mit Rechten und Pflichten unterzeichnen“. Das deutsche Schicksal: Geknechtet zu werden. Das deutsche Ideal: einen Vertrag dagegen zu unterschreiben. Und ganz so, als hätten Kinder nicht schon genug unter ihren Eltern zu leiden, sollen „mit dem Familienvertrag Mehrelternschaften möglich“ werden. Auch hier könnte man vielleicht auf die jahrelangen Erfahrungen der Grünen im Durchführen von Mehrfachabschiebungen und Mehrfachbombardierungen zurückgreifen.

Und so wie „Drei sind mehr als zwei, und vier mehr als drei“ nicht nur für tote Kinder im Kosovo gilt, sondern auch für die Anzahl der Bezugspersonen, die „die den Kindern etwas beibringen können“, d.h. Kinder vom Spielen, Rumhängen und Träumen abhalten, gilt es auch für die Anzahl der Vorteile, die ein Familienvertrag bringen könnte: Mit einem solchen würde die Welt endlich „vielfältiger, mobiler und flexibler“. werden.  Manche gehen sogar so weit, von einem „Wandel von der Kleinfamilie zum Freundesschwarm“ zu sprechen, „mit Internetdiensten, die zeigen, wer sich gerade an welchem Ort befindet“. Man möge mich bitte baldigst in die Steinzeit bomben.

Doch damit nicht genug, „sicherlich wird es irgendwann auch möglich sein, körperlichen Sex über das Netz zu machen“. „Sex machen“, hihi, dazu fällt mir was ein! „Doch darum geht es nicht.“, bremst Julia. Ganz Recht, ging es hier nicht mal um Polyamorie und Julias Wege zum Liebesglück? Eben, und Julia bekommt zum Ende des Artikels vorbildlich wieder die Kurve zu ihrer Sex-„Familie“ und gewährt uns einen weiteren Blick in ihr Schlafzimmer: „Ich liebe mehr Menschen als nur meinen Freund. Und der hat sich inzwischen auch wieder gemeldet.“ Bei solch ausgeprägtem Besitzdenken und Meldezwang ist wohl noch ein weiter Weg zu gehen. Aber die Frau wird das schon managen.