Ich selbst möchte selbstverständlich keine Kritik an der Imperialismus-Analyse des Gegenstandpunkt-Verlags üben. Ich möchte auf eine solche Kritik hinweisen, die bisher leider nicht die Aufmerksamkeit bekam, die sie verdient hätte. Besagter Text trägt den unverständlichen Titel „Vun Höpsken op Stöckzken“ und ist online leider nicht mehr verfügbar. Ich konnte mir jedoch glücklicherweise ein Exemplar sichern und möchte die besten Argumente der Allgemeinheit zugänglich machen. Alle folgenden Zitate entstammen (teilweise leicht korrigiert) dem Text. Die Kommasetzung behielt ich aus humorigen Gründen bei.

Schon die ersten Zeilen reißen ein Loch in die Deckung des sich staatskritisch gebenden Gegenstandpunktes, denn bei der Lektüre der Imperialismus-Broschüre „fällt einem direkt auf: Der Text ist in Paragrafen strukturiert. Da stellt sich mir doch die Frage: Sind das Gesetze? Hat GSP allgemeinen Wahrheitsanspruch?“ Dies wäre nämlich nicht nur „philosophisch gewagt“, es könnte auch als „sektiererisch gewertet werden, zu glauben, Strukturen, wie die des Imperialismus‘, allgemeingültig korrekt analysieren zu können.“ Wichtige, unangenehme Fragen werden hier gestellt. Die vom Gegenstandpunkt scheinen wirklich selbst zu glauben, was sie da schreiben. Man möchte sich gar nicht ausmalen, wer alles im Knast säße, wenn das Wort solcher Leute Gesetz wäre!

Der Autor der Analyse spricht dem Gegenstandpunkt jedoch auch ein Lob aus, denn „die Struktur des Textes ist schon recht stimmig und logisch aufgebaut“. Das werden die Autoren gerne hören. Wenn schon die Argumente nicht ankamen, dann doch wenigstens die hübschen Formalia, die sie allenorts versteckt haben. Doch auch hier muss kritisch angemerkt werden, dass die sprachlichen „Parallelen zu Marx“ nicht entsprechend mittels Fußnoten gekennzeichnet wurden. Denn das, verehrte Autoren, ist „eurem Gott“ gegenüber reichlich „respektlos“. Und erst die Fremdwörter, die diese Marxisten-Professoren benutzen! „Begriffe wie „akklamiert“, „zu exploitieren“[sic], „affiziert“, „die Potenz als Käufer“, etc. gehen nicht klar“ , zumindest, „wenn sie alle, in nur einem Text, vorkommen“. Es sei verraten: Die Begriffe kommen in mehreren Texten vor. Doch der Gegenstandpunkt will wohl einfach nicht verstehen, dass solche „pseudointelligenten, unwissenschaftlichen“ Worte in intelligenten, wissenschaftlichen Texten nichts zu suchen haben. Hallo, Gegenstandpunkt? „Ist euer Autor über 80?

Doch den Kritiker in seinem Lauf hält weder Ochs‘ noch Esel auf und so beisst er sich weiter durch den Text und muss schon bald erkennen, dass der feine Gegenstandpunkt einen völlig falschen Begriff vom Imperialismus hat, denn um solchen handelt es sich „erst, wenn der (eigentlich) souveräne Staat unter fremder Hegemonie, gestellt wird und wenn diese Hegemonialmacht Herrschaft, über die ganze Welt verteilt, ausübt, sie also, in Abgrenzung zu normalem „Kolonialismus“, so etwas wie ein Imperium (Weltreich), aus vielen Kolonien, hat.“ Hätten sich die Autoren der Broschüre das mal überlegt, bevor sie mit dem Schreiben anfingen, sie hätten sich viel Zeit und Arbeit sparen können. Nur ein Blick in ein Asterix-Heft hätte genügt, da wird das mit dem Imperialismus doch hinreichend erklärt! „Aber Hauptsache sich schlau vorkommen, weil man einmal Latein in der Schule hatte“!

Da verwundert es auch nicht, dass der Gegenstandpunkt-Text sich „bezeichnenderweise“ über den „Coltan-Abbau für die Handyindustrie, im Kongo; Maisanbau in Lateinamerika, für Biodieselproduktion;…“ ausschweigt. Wer von den Coltan-Kindern im Kongo nicht reden will, soll doch bitte vom Imperialismus schweigen! Es ist zum Haareraufen, da seziert der Kritiker jedes Argument und der Gegenstandpunkt „schwafelt“ unverblümt weiter, „schafft es dabei aber nicht, die elementarsten Strukturen verständlich zu machen.“ Wie leicht das ist, exerziert der Autor gerne vor und erklärt: „Imperialismus ist eine besonders ekelhafte Verbindung von Kapitalismus und kulturalistischem Rassismus, in dem die, ökonomische und kulturelle, Vorherrschaft, einer oder mehrerer Hegemonialmächte, über Regionen auf der ganzen Welt angestrebt wird.“ Ist das wirklich so schwer zu verstehen? Man möchte fast vermuten, der „GSP glaubt wirklich, dass der kapitalistische Staat per Definition imperialistisch ist“. Das ist selbstredend „schwachsinnig“, aber „immerhin irgendeinen Ansatz haben die Jungens“. Das Lob kann man beim besten Willen nicht zurückgeben.

Wenn der Gegenstandpunkt das Völkerrecht als ein „moralisches Geschütz“ mit „matter Bedeutung“ bezeichnet fühlt sich der „Vun Höpsken op Stöckzken“-Autor genötigt, ein paar grundlegende Zusammenhänge, die man „sogar in der Schule“ lernt, darzulegen: Habt ihr denn damals nicht gelernt, dass „normative Texte“ (Gesetze,…)“ einen „relativ geringen Quellenwert“ besitzen? Und warum redet der Gegenstandpunkt schon wieder um den heissen Brei herum und gibt nicht einfach zu, dass er vom „Wunsch, ein Völkerrecht zu schaffen, das von allen eingehalten wird“ beseelt ist? „Wäre es nicht sinnvoller, die Inhalte des Völkerrechts zu kritisieren?“ Doch solche Gedanken sind den selbsternannten Imperialismus-Kritikern aus München völlig fremd, wollen sie doch insgeheim einen „starken, nationalen Kapitalismus, mit einer riesen Grenzmauer, gegen die böse Globalisierung“. Voll auf die Zwölf!

Manchmal muss der Kritiker sich ein wenig behelfen, um der Imperialismus-Analyse des GSP einen Sinn zu entlocken. Ersetzt man z.B. „den imperialistischen Staat“ mit „Industrienationen“ ergibt der Text angeblich viel mehr Sinn. Gleiches womöglich, wenn man „Analyse“ durch „Anarchospinner“ ersetzt. Doch was soll man von einem Verlag erwarten, dessen Veröffentlichungen ja doch nur darauf abzielen unter dem Deckmantel der Kapitalismuskritik „einen Absatzmarkt für seine Zeitung“ zu erschliessen?

So aber muss wohl oder üblich ein Widerspruch nach dem anderen in seine Einzelteile zerlegt werden: „[Das Schließen von Bündnissen] ist ein Phänomen vom Imperialismus? Im Endeffekt versucht nahezu jeder Staat, Bündnisse zu bilden.“ Nahezu jeder Staat, nicht nur die imperialistischen! Wo kämen wir nur hin, wenn wir all die antiimperialistischen Staaten als Imperialisten brandmarken würden? Sollen am Ende selbst „Chavez, Ahmadineschad, etc.“ Imperialisten sein? Welch abstruse Vorstellung! Chávez mit Lorbeerkranz!

Das, was in der Broschüre fälschlicherweise als Imperialismus bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit ein „Kampf der Kulturen“. Früher ein Kampf  der „Kapitalismus“-Kultur gegen die „Realsozialismus“-Kultur, haben sich die Fronten verschoben und man führt heute einen „Kampf gegen den „Islam““. Den Unterschied mag man beim Gegenstandpunkt nicht erkennen, auch wenn es in der heutigen Welt offensichtlich nicht darum geht, „dass ein souveräner Staat unter fremde Hegemonie gestellt wird, sondern darum, dass ein anderer souveräner Staat entsteht, der nach den Werten der westl. Industrienationen funktioniert“. Wem es nicht spätestens jetzt wie Schuppen von den Augen fällt, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Begriffe wie „innen“ und „außen“ haben nunmal keinerlei Wert, wenn man über Imperialismus und Krieg spricht, denn schließlich „richtet sich die militärische Aktion erst nach „Außen“, damit es zum „Innen“, also annektiert, wird. Für den Imperialismus ist die ganze Welt Innenpolitik.“ Für mich ist das alles völlig nachvollziehbar.

Anstatt eine Analyse vom Weltgeschehen vorzulegen, verfängt sich der Gegenstandpunkt ein ums andere Mal in seiner eigenen Parteilichkeit. Nach dem Motto „Die Sowjetunion war gut – die Amis waren böse“ werden „spionierende Amis“ zwar gerüffelt, „spionierende Deutsche oder spionierende Iraner“ hingegen haben alle Sympathien der Gegenstandpunkt-Autoren, ganz zu schweigen von den Geheimdienst-Mitarbeitern der „vom GSP so heißgeliebten Sowjetunion“.

Der Kritiker ist nur noch „abgefucket, dass er so einen schlechten Text gelesen hat“ und beendet seine Arbeit, ohne die Broschüre – wie geplant – vollständig widerlegt zu haben. Das macht jedoch wenig, ist der Text wohl eh nur für Kader geschrieben, die hoffen, „in einer anti-imperialistischen Sekte einen Posten zu bekommen“. Doch auch derer erbarmt sich der unbarmherzige Kritiker und gibt ihnen ein paar Tipps mit auf den Weg, was sie zu tun haben, um ihm auf dem Pfad der Erleuchtung zur wahren Imperialismuskritik zu folgen: „Zunächsteinmal würde ich mehrere Bücher lesen, die den historischen Imperialismus beschreiben.“ Ich hätte ja das Schreiben einer Kritik mit dümmlichem Titel auf Platz Eins vermutet.

Es ist und bleibt das Leid eines Theoretikers: Ob man will oder nicht, man muss „das Arschloch spielen, das, wie ein (scheiß) Lehrer, immer alles besser weiß und korrigieren muss“. Doch das ist es wert.